Shlof, mayn tayer Kind
Hans Abraham Ochs wurde im September 1936 im Römerpark zusammengeschlagen. An den Folgen starb er ein paar Tage später. Begraben ist er auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd. In der Südstadt erinnert eine Straße an den Jungen. Ein Schild berichtet von seinem Leben und Sterben. Immerhin. Aktuell wird die Geschichte spätestens dann, wenn dieses Schild abmontiert wird.
Wer, so fragen sich nun einige Südstädter, hat dieses Schild abmontiert? Im Keller des Bauspielplatzes wurde es gefunden, der Hausmeister brachte es an seinem angestammten Platz wieder an, wenig später war es wieder verschwunden. Und wieder fand es sich in den Räumen des Bauspielplatzes. Wer es dort hin brachte, das kann niemand genau sagen. Gerüchte kursieren. Fakt ist: Zum jetzigen Zeitpunkt ist dieses Schild unauffindbar.
Peter Koch-Weisgerber und Gunter Demnig (v.L.) an der Stelle der Gedenkstein, Titusstraße Ecke Oberländerwall.
Peter Koch-Weisgerber fiel dieses Geschehen ins Auge und er entschied sich, den Künstler Gunter Demnig mit der Erstellung eines Stolpersteins zu beauftragen. Vor dem ehemaligen Wohnhaus Hans-Abraham Ochs´ in der Trajanstraße befindet sich zwar schon ein solcher Stein, doch Koch-Weisgerber strebte eine weitere „Immobilie“ für den vermuteten Ort des Geschehens an. Als Ersatz für das verschwundene Schild.
Eine solche Steinsetzung forciert den neuerlichen Versuch, der viel zu kurzen Lebensgeschichte des jüdischen Jungen aus der Südstadt auf die Spur zu gehen. Schon vor einem Jahr war dieses Unterfangen nicht von großem Erfolg gekrönt (wir berichteten). Und auch diesmal sind die Recherchen wenig erfolgreich gewesen. Denn sobald ein Journalist der Kölner Geschichte auf die Spur gehen will, wird das fatale Ausmaß des Stadtarchiveinsturzes deutlich: Alle Archivalien sind vom U-Bahn-Schacht geschluckt worden. Keine Schülerlisten sind einsehbar. Einwohnerregister sind verschwunden. Dokumente von Krankenhäusern, der Polizei und anderer Behörden sind auf schier zahlreiche Archive in Deutschland verteilt.
In der Chronik der Katholischen Grundschule Mainzer Straße heißt es: „1934. Jüdische Kinder besuchen plötzlich nicht mehr die Schule. Den Klassenkameraden wird erzählt, sie seien krank oder weggezogen.“ Dieser Satz bringt zweierlei zutage: Erstens wird Hans Abraham Ochs nicht auf diese Schule gegangen sein, sondern hat entweder eine der anderen Grundschulen im Viertel oder eine jüdische Schule besucht. Drei Grundschulen kommen dafür in Betracht: Die in der Zwirnerstraße, im Zugweg und die heute nicht mehr existente Schule an der Seyengasse. Doch alle alten Archivalien befanden sich zentral gesammelt im Archiv auf der Severinstraße. Nun wird in aller Deutlichkeit klar, welch einen Verlust dieses Archiv für die Kölner Geschichte darstellt. Für die nächsten 30 bis 40 Jahre ist jegliche Recherche in dieser Richtung blockiert. 2000 Jahre Stadtgeschichte sind im Schlamm versunken und müssen erst gereinigt, sortiert und restauriert werden.
So bleibt nichts anderes übrig, als vagen Informationen glauben zu schenken. Der achtjährige Hans-Abraham wurde wohl von einer Gruppe Hitlerjungen erschlagen und schwer verletzt im Römerpark zurückgelassen. Im Krankenhaus durfte ihn nur ein jüdischer Arzt behandeln. Doch alle Versuche, das Leben des Jungen zu retten, waren vergebens – der Junge starb. Der Arzt vermerkte auf dem Totenschein als Todesursache eine Bauchfellentzündung. Die Bitte der Mutter, dem Jungen wenigstens eine letzte Ehre zu erweisen und den Tod als Folge eines gewaltsamen Überfalls zu deklarieren, musste er in Hinsicht auf seinen Job und in Angst um seine Familie abschlagen. Die Grabinschrift „Umgekommen durch eine irregeleitete Jugend“ ließ seine Mutter erst nach dem Krieg in den Grabstein ritzen.
Am 5. Oktober 2011, 75 Jahre nach dem Tod des Jungen, wird seiner gedacht. Gunter Demnig legt Hand an das Pflaster, reißt es auf, senkt die Erinnerung in die Lücke. Peter Koch-Weisgerber ruft das Leben Hans-Abraham Ochs´ in Erinnerung. Eine gelbe Rose findet ihren Platz neben dem Stein. Die Mezzosopranistin Agnes Erkens singt ein jiddisches Kinderlied*: „Dremlen feygl af di tsvaygn, shlof, mayn tayer kind.“ Kathrin Keller erklärt sich bereit, Patin des Steins zu werden.
Zurück bleiben viele offene Fragen. Wer erschlug das Kind? Leben die Täter noch unter uns? Was genau ist an jenem Tag im Herbst 1936 geschehen? Wer hat etwas gesehen und was wurde davon erzählt? Auf welche Schule ging der Junge? Wer waren seine Freunde?
Aber auch Fragen zur Gegenwart stehen ungeklärt im Raum: Wer montierte das Schild ab? Und warum?
Vielleicht hat der eine oder andere Leser von "Meine Südstadt" noch ältere Verwandte oder Nachbarn, die etwas aus der Zeit erzählen können. Viele Fragen warten noch auf schlüssige Antworten.
*Aus: Gotthard Stolle, Lieder aus dem Ghetto, Acoustic Music Books
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Kommentare
Gerüchte ums abmontierte Schild
Seit zehn Jahren arbeite ich alsbald im Baui in der Südstadt. Hier versuchen wir mit unserem Team Kindern und Jugendlichen Freizeitangebote zu geben, die sie wachsen lassen und stark machen für ihr weiteres Leben, auch gehört Bildungsarbeit wesentlich mit dazu.
Nahezu jeder unserer Besucher kennt die Geschichte des alten Forts, die Geschichte der Umbenennung des Parks in Friedenspark und auch die tragische Geschichte von Hans Abraham Ochs. Dieses Thema wurde auch mit den Besuchern der Einrichtung in einem Musical in den Focus gerückt.
Die Tatsache, dass sich das Schild zweimal in den Räumen des Bauis wiederfand, liegt daran, dass es aufmerksame Spaziergänger fanden und zur Wiedermontage bei uns abgaben. Leider wurde es nach erneuter Demontage nicht wieder gefunden bzw zumindest nicht in unsere Einrichtung gebracht.
Gegen mögliche Gerüchte, die hier angedeutet werden, stelle ich mich konsequent, das Verschwinden des Schildes steht in keinem Zusammenhang mit der Einrichtung Bauspielplatz Friedenspark.
Der Baui und wir Mitarbeiter müssen seit einigen Jahren permanent mit irgendwelchen Gerüchten umgehen und gegen die Verbreitung derer kämpfen, dieses eine, wenn auch nur angedeutet, braucht es nicht auch noch.
Noch ein Nachsatz
Wir hätten sehr gerne bei der Stolpersteinsetzung mit unseren Besuchern mitgemacht.
Leider wussten wir von dem Termin nichts - das finde ich schade, denn die Kids und Teenies hätte es sehr interessiert.
Schade, dass dies nicht kommuniziert worden ist.
Kommentar
Liebe MT,
wenn der Eindruck entstanden sein sollte, dass jemand aus dem Baui an der Entfernung des Schildes beteiligt war, dann war dies nicht meine Intention. Offenbar ist niemandem bekannt, wer das Schild abmontiert hat.
Für die Einladung zu der Steinsetzung sind die Organisatoren zuständig gewesen.
Viele Grüße,
Stephan Martin Meyer
Natürlich ist bislang
Natürlich ist bislang Niemandem bekannt, wer das Schild abmontiert haben könnte. Aber so nebulöse Andeutungen, dass Gerüchte aufkommen können nachdem zweimal das Schild im Baui wieder auftaucht, finde ich persönlich, beruflich und für den Baui mehr als angreifend. Hier wird fast ein Zusammenhang forciert, den es so einfach nicht gibt.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es Journalisten, die mir zeigten und auch immer wieder zeigen, dass Recherche das A und O dieses Berufes sind. Das A und O meines Berufes ist oftmals die Kommunikation. Beides fehlt mir hier wesentlich, stattdessen werden Gerüchte geschürt, die jeglicher Grundlage entbehren.
Ich lese lieber Fakten als Gerüchte hier - ansonsten kauf ich mir die yellow press.
Natürlich ist die Einladung zu dem Termin nicht Aufgabe eines "Journalisten", aber die Kids und Teenies hätten die Steinsetzung einfach bereichert und die Steinsetzung sie.
Überraschend
Liebe/r Herr/ Frau Meinesüdstadt Redaktion,
Positive Kommentare die anonym geschrieben wurden, werden nicht gelöscht?!?
Ich ziehe für jede Art von Aktivität im Internet mein Kürzel GB vor, das steht mir auch ohne weiteres zu.
Mein ursprünglicher Beitrag, brachte in freundlichem Umgangston, Kritik an der verwendeten Sprache das Autoren zum Ausdruck. Ich halte diesen Kommentar für hilfreich.
Der Hinweis, dass man auch bei journalistischer Arbeit bedenken sollte, wer die Zielgruppe ist kann doch nicht als unsachlich ausgelegt werden.
Das die gewählte Sprache (sehr unklar und überaus künstlich wirkend) bestenfalls den Personen liegt, die an der beschriebenen Aktion beteiligt waren oder nur die Eitelkeit des Autors bedient, war meine Aussage zu der ich stehe.
Die Arbeit des anderen Menschen wurde hierbei nicht in Frage gestellt, allerdings gebe ich zu bedenken, dass der Autor kein Laie ist, er stellt sich auf dieser Seite als professioneller Autor vor.
Ich hoffe der Autor äußert sich persönlich? Ich gehe davon aus, dass mein Kommentar durch ihn gelöscht wurde? Zudem weise ich darauf hin, das es im Internet normalerweise gängig ist, den Kommentar mit einem Löschhinweis stehen zu lassen. Eben um zu begründen und nicht zu zensieren.
Mit freundlichen Grüßen
FRAU GB
Ihr Kommentar
Sehr geehrte Frau GB,
die Redaktion (und nicht der Autor) hat sich entschieden, den Kommentar zu löschen, da wir unsachliche Beschimpfungen eines Autors so nicht hinnehmen und auch nicht verbreiten wollen.
Im Übrigen begründen Sie auch dieses Mal die dem Autor vorgeworfene "Eitelkeit" nicht. Wenn Sie seine Sprache künstlich finden, ist das sicher eine durchaus zulässige Geschmacksäußerung, über die man streiten kann. Wenn sie die Sprache unklar finden, so formulieren Sie doch bitte, welche Fragen Sie noch haben - der Autor wird sicherlich gerne versuchen, sie zu beantworten.
Mit freundlichen Grüßen
Die Redaktion von "Meine Südstadt"
Wer versucht aus Journalismus
Wer versucht aus Journalismus "Kunst" zu machen, der ist eitel.Leider ist auch der Versuch nicht wirklich geglückt.
Dabei sind allgemein verständliche, einfache Texte die eigentliche Kunst! Ich möchte es dabei belassen, mein Eindruck ist das es nicht um Diskussion geht. Man will mich nicht verstehen.
Bitte löschen Sie einfach zukünftig nicht mehr ohne Hinweis, das ist mein einziges Anliegen!
Das Beste wünscht
GB
Meinungsfreiheit?
werden sachliche, respektvolle aber trotzdem kritische Kommentare zu Inhalten oder Autoren einfach kommentarlos gelöscht? Ohne die Löschung zu kennzeichnen oder den Autoren zu informieren? Das ist Diktatur.
GB
Antwort auf Kommentar eines anonymen „Gastes“
Liebe/r Herr/ Frau GB,
kritische Kommentare und überhaupt Kommentare aller Art sollten unter vollem Klarnamen geschrieben werden, so steht es in unseren Richtlinien für Kommentare:
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. Beiträge sollen freundlich im Umgangston und hilfreich sein. Bitte schreibe konstruktive und sachliche Beiträge, die einen Mehrwert bringen. Bitte respektiere die Arbeit anderer Menschen.
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Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu kürzen oder zu löschen.
"Meine Südstadt" Redaktion
Danke für den Beitrag
"Shlof, mayn tayer Kind" - das hallt noch lange nach.
vielen Dank für die Recherche, für das Engagement. Das, was geschehen ist, bleibt ohne Worte. Und trotz der Verschwinden der Wörter im Stadtarchiv, hoffe ich mit auf weiteres, was zutage tritt. Danke!
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