Krieg im Kinderzimmer: Wie Amy Chua ihre Töchter zum Erfolg zwingt

China gegen Amerika: Der Wettstreit der Großmächte hat einen neuen Schauplatz - das Kinderzimmer. "Battle Hymn of the Tiger Mother" - Schlachthymne der Tigermutter heißen die Erziehungs-Memoiren von Amy Chua. Die angesehene Juristin und Yale-Professorin stellt der vermeintlich nachlässigen "westlichen" Erziehung knallhart das eigene, chinesische Modell gegenüber. Das heißt: Drill, und zwar Drill bis zum Umfallen, ohne Rücksicht auf Verluste. Aufmüpfigkeit ist tabu, und wenn der normale Tonfall nicht hilft, wird eben geschrien.


Das kontroverse Buch von Amy Chua liest sich fast schon bedenklich gut, flüssig und durchaus spannend - wäre der Inhalt nicht so beklemmend real. Amerika hat sich bereits heißgestritten, jetzt diskutiert man in Deutschland. Denn schonungslos protokolliert Amy Chua, mit welcher Härte sie ihre Töchter Sophie und Lulu zu Höchstleistungen zwingt - am Klavier und an der Geige. Die beiden Mädchen dürfen nichts anderes tun als zur Schule zu gehen, müssen dort Bestnoten einheimsen - und zuhause nach den Schulaufgaben auf ihren Instrumenten üben. Fünf bis sechs Stunden pro Tag sind keine Ausnahme.


Gleich zu Anfang stellt Amy Chua zudem klar, was sie ihren Töchtern alles verboten hat - damit der Leser weiß, was ihn in dem Buch erwartet. Sophia und Lulu dürfen nicht bei Freundinnen übernachten, Kinderpartys besuchen, im Schultheater mitspielen, fernsehen oder Computerspiele spielen. Geige, Klavier - das war's.
Ihren martialischen Erziehungsstil begründet Amy Chua mit der Einwandererproblematik in den USA: "Eine meiner größten Ängste ist der Leistungsabfall von einer Generation zur nächsten", schreibt sie. Will sagen: Die Generation ihrer Eltern war die fleißigste. Ihre eigene Generation ist noch stark auf Leistung hin orientiert - die dritte Generation aber, die ihrer Kinder, werde in die Annehmlichkeiten des gehobenen Bürgertums hineingeboren. Deren Sprösslinge neigten dazu, sich über die Eltern hinwegzusetzen und steuerten daher geradewegs auf den Abgrund hinzu. "Aber nicht mit mir", stellt Amy Chua klar. Und drillt ihre Töchter mit einer Härte, die kaum vorstellbar scheint. Zitat: "Ich zähle jetzt bis drei, dann erwarte ich Musikalität! Wenn das beim nächsten Mal nicht perfekt ist, nehme ich dir sämtliche Stofftiere weg und verbrenne sie." Oder: "Spaß macht gar nichts, solange man nicht gut darin ist." Immerhin: Sophia schafft es mit diesem Drill bis zu einem Auftritt in der legendären New Yorker Carnegie Hall und sagt selbst, sie habe viel von ihrer Leistung freiwillig gegeben. In der "New York Post" schreibt die heute 18-Jährige sogar in einem offenen Brief an ihre Mutter: "I think your strict parenting forced me to be more independent." Das muss man respektieren, auch wenn es schwerfallen mag. Lulu dagegen, so begabt sie sein mag, rebelliert eines Tages derart heftig gegen die Mutter, dass diese ihr zugesteht, das Geigespielen zu reduzieren und stattdessen Tennis zu spielen - für Amy Chua die größte Niederlage.


Zur Kritik: Vorwerfen darf man der Autorin natürlich ihren militärischen Erziehungsstil, der uns fremd und unmenschlich erscheinen mag. Ebenso problematisch sind ihre unzulässigen Verallgemeinerungen, die natürlich auch darauf abzielen, den Marktwert des Buches zu steigern. Das geht dann auf Kosten der Glaubwürdigkeit: "What does she mean by Chinese and Western?" fragt die "New York Times". Sprich: Was ist denn "die" chinesische Erziehung, wenn Mutter Amy in den USA aufgewachsen ist, in Yale Jura lehrt, römisch-katholisch erzogen wurde und mit einem jüdischen Juristen verheiratet ist - ganz abgesehen davon, dass sie selbst gar kein Mandarin mehr spricht? Und was ist "der laxe Westen", wenn nicht eine ebenso wabernde, abstrakte Projektion? Es erstaunt nicht besonders, dass ausgerechnet Thilo Sarrazin das Buch gelobt hat - ein zweifelhaftes Prädikat, ohne Frage.


Dennoch: Eines muss man Amy Chua lassen. Sie hat eine Debatte in Gang gebracht. Es gibt ganz offensichtlich ein großes Bedürfnis, über die richtige und die falsche, die angemessene und die unangemessene Erziehung zu reflektieren. Insofern leistet ihr Buch einen kraftvollen, wenngleich höchst provokanten Beitrag zur Bildungsdebatte, und zwar nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Überlassen wir das Schlusswort der Rezensentin in der britischen "Times": Unter dem Titel "Why tiger mothers feed our fears of decline" schreibt sie maliziös und sehr zutreffend: "If Chua were Venezuelan, nobody would care. The problem is that she is Chinese, and that we suspect her tribe is going to carry off our camels, raze our cities and pitch their tents on our patch."

"Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte."

Nagel & Kimche. 256 Seiten.

19.90 Euro.

Mehr über Amy Chua und ihren Buch finden Sie hier.

Wie das Buch in der USA  oder in Deutschland besprochen wird, können Sie hier oder hier lesen.

 


Und wie steht es um Ihre Erziehungsphilosophie? Glauben auch Sie - insgeheim oder ganz offen - dass mehr Disziplin die Kinder fit macht für die Herausforderungen der globalisierten Welt? Wieviel Härte muss sein - und was geht zu weit? Oder legen Sie in der Erziehung mehr Wert auf Selbstverwirklichung, Würde, Kreativität?

Wie erzieht die Südstadt? Das würden wir gerne wissen - von Ihnen! Zum Mitdiskutieren laden wir Sie herzlich ein.
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Kommentare

Mit Zwang wird nichts erreicht

Meine Erfahrung ist, dass mit Zwang gar nichts erreicht werden kann.
Nur aus dem freien Willen des Kindes und Jugendlichen heraus kann eine wirklich lebendige und dauerhafte Beziehung zum Instrument, zum Unterricht, zum Spielen und Üben entstehen.
Das ein Kind begleitet werden muss - motiviert, herausgefordert und in seiner Eigenheit darin wahrgenommen werden sollte - steht außer Frage.
Aber Zwang funktioniert heute nicht mehr - und da bin ich sehr froh und dankbar.

Die Diskussion ist schon alt und erscheint mir zum heutigen Zeitpunkt auch etwas absurd - wissen wir doch, wie sehr all das schon vor über 40 Jahren heiß besprochen, erkämpft und erstritten wurde. Viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bewegt und vieles ist (zu unserem Glück) zu etwas Selbstverständlichem geworden.

Franziska Erdle.
Musikerin und Musiklehrerin der Klavierschule Süd.

Artikel

Die Debatte darüber ist schon lange entfacht und kommt in regelmäßigen Abständen wieder. Letztlich müssen die Eltern entscheiden, welche Werte für Sie wichtig sind und was sie an ihre Kinder weitergeben und vermitteln wollen.
Traurig ist eher das Gegenteil als im Buch beschrieben, dass mittlerweile viele Kinder Entscheidungen treffen, die eigentlich die Eltern treffen sollten: wie lange darf ich fernsehen, welche Kleidung möchte ich tragen, wann möchte ich im Hort/Kita abgeholt werden (ich rede von Grundschülern) oder Eltern die ihre Kinder als Partnerersatz missbrauchen und ihnen keine Gelegenheit zum "Kindsein" geben.
Armselig finde ich das Buch dennoch, da es das gleiche bewirkt: den Kindern ihre Kindheit nehmen. Im Dreck spielen, auch mal Misserfolge erleben, weil man beim Spielen verloren hat, Erfahrungen bei andern Kindern/Familien zu machen (dazu gehört auch ein Übernachtungsbesuch) usw. - das gehört doch zum Kindsein.
In China werden solche Erziehungsmethoden, durch die dortige Bevölkerungsexpansion, schon länger benutzt. Da muss man sich bemerkbar machen, als einer unter Millionen. Das im Buch gepriesene „Alles-oder-nichts“-Prinzip bedeutet doch, dass man im Fall von Nichterfolg lebensunfähig ist, oder?
Aber zur Selbstironie und Provokation hat dieses Buch einen guten Beitrag geleistet.

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